Yamaha Niken - Carving auf Asphalt

Nichts fürchten Motorradfahrer mehr als ein wegrutschendes Vorderrad. Mit dem revolutionären Dreirad-Töff Niken hat Yamaha jetzt ein Gegenmittel parat.

Zahlen zur Yamaha Niken

  • Motortyp: Reihendreizylinder-Viertakter

  • Hubraum: 847 ccm

  • Max. Leistung: 115 PS bei 10‘000/min

  • Max. Drehmoment: 87,5 Nm bei 8500/min

  • Gewicht: 263 kg vollgetankt

  • Preis Testmotorrad: 17‘990 Franken

  • Basispreis: 17‘990 Franken

  • Konkurrenten: noch keine am Markt

  • Spezifische Infos: 3 Jahre Garantie ohne Kilometerbeschränkung, Inspektion alle 10‘000 km oder 12 Monate.

  • Stand: Mai 2018

Ein rutschendes Hinterrad, etwa weil am Kurvenausgang zu motiviert Gas gegeben wird, hat die Motorradtechnik inzwischen selbst bei Mittelklasse-Töff im Griff. Doch die sogenannte Traktionskontrolle nützt bei einem sich verabschiedenden Vorderrad - Stichwort Rollsplit, Laub, Gullideckel etc. - herzlich wenig. Und wenn man nicht Marc Márquez oder Valentino Rossi heisst, endet der Traktionsverlust an der Front in praktisch jedem Fall schmerzhaft in der Botanik. Um besagte Problematik in den Griff zu bekommen, hat Yamaha einen anderen Ansatz gewählt - einen konstruktiv-mechanischen statt digitalen, und er heisst Niken. Zwei („Ni“) Schwerter („Ken“) lautet die Übersetzung aus dem Japanischen, und das Resultat - das erste echte Dreispur-Motorrad der Welt - lässt sich sehen. Optisch, technisch und - wie wir gleich sehen werden - auch fahrdynamisch!

Ganz neu hat Yamaha die Motorradwelt mit der Niken (ab September für 17’990 Franken) indes nicht erfunden. Wieso auch, zählt das Naked-Bike MT-09, das als Basis für die Niken herhalten durfte, weltweit doch zu den absoluten Bestsellern.

Clevere Lenk- und Neigemechanik

Für ein bis dato ungekanntes Mass an Vertrauen für die Front sollen zwei 15-Zoll-Vorderräder sorgen. Klingt logisch, denn eine verdoppelte Reifenaufstandsfläche sorgt für zweimal so viel Grip. 

Damit die Geschichte mit den beiden Vorderrädern in der Praxis auch harmonisch funktioniert, hat Yamaha das „Leaning Multi Wheel System“ (LMW) entwickelt; eine raffinierte Neige- und Lenktechnik. Und die funktioniert so: Die Lenkimpulse werden über ein Umlenksystem und einen zweiten Lenkkopf an eine Lenkstange übertragen. Diese leitet das Moment über Gelenke an die beiden schwenk- und neigbaren USD-Gabelpaare weiter, wobei jeweils ein Versatz vorliegt. Letzterer bewirkt, dass das kurveninnere Rad etwas stärker einlenkt als das äussere (Ackermann-Prinzip). Dies macht insofern Sinn, als das innere Rad - wie bei jedem Auto auch - einen kleineren Kreis zeichnet als das Äussere.

Nun sollte die Niken aber die Fahrdynamik eines regulären Töff reproduzieren und damit in Schräglage „gehen“. Diese Aufgabe obliegt einer ausgeklügelten Parallelogramm-Mechanik, die dafür sorgt, dass sich die Gabelpaare stets parallel neigen. Wobei ein konstruktiv bedingtes Limit von 45 Grad Schräglage drin liegen. Vorweg: das reicht bei Weitem...

Vertrauen, Vertrauen und nochmals Vertrauen

Die 260-km-Testroute führt uns heute durch die österreichischen Bundesländer Tirol, Salzburg und Kärnten. Als absolutes Highlight steht dabei die mautpflichtige Grossglockner-Hochalpenstrasse mit Abstecher auf die Edelweissspitze auf dem Programm.

Ich nehme Platz und lasse meinen Blick über die wuchtige Front schweifen. Instinktiv hieve ich die Niken mit einem kräftigen Ruck vom Ständer und „Hoppla!“, beinahe hätte ich die fahrfertig 263 Kilo schwere Ostasiatin auf der anderen Seite hingeworfen. „Sieht massiv und damit träge aus, beim Rangieren gibt sie sich aber wie ein ganz normaler Töff“, lautet ein erstes Zwischen-Fazit. Gleiches gilt beim Anfahren und bei Innerorts-Tempi. 

Bevor es kurvig wird, sind einige Kilometer auf langweiligen Verbindungsstrassen abzuspulen. Ein guter Moment, das LMW mit einigen fiesen Manövern auf die Probe zu stellen. Im flachen Winkel überfahrene LKW-Spurrinnen lassen die Niken völlig unbeeindruckt - ein Einspur-Bike hätte diese Aktion mit Unruhe quittiert. Da - mit Schlaglöchern garnierter, aufgesprengter Asphalt! Wieder nix! Während von der Hinterhand das bekannte Geholpere ans Gesäss transportiert wird, dringt von vorne nahezu nichts zu meinen Händen durch. Was aber nicht heisst, dass die Niken mit Feedback geizt. Im Gegenteil gibt sie sich diesbezüglich durchaus kommunikativ. 

Endlich stehen die weiten Bögen und Serpentinen der Hochalpenstrasse an! Erstaunlich, wie handlich und harmonisch die Niken einlenkt und gleichzeitig eine hervorragende Stabilität manifestiert. Das Highlight ist jedoch, dass die Japanerin selbst auf Kopfsteinpflaster und regennassen, von der Witterung gezeichneten Drittklassstrassen tatsächlich ein bisher ungekanntes Mass an Vertrauen vermittelt. Und so stelle ich fest, dass mein Blick nicht wie bei solchen Verhältnissen sonst üblich den Asphalt unmittelbar vor der Front scannt sondern weit nach vorn zielt. Aber Vorsicht: Auch eine Niken ist nicht unstürzbar und kann umfallen, wenn man es übertreibt. Doch bis es so weit ist, hätte man sich mit einem klassischen Bike schon dreimal hingelegt. Ebenfalls ist begeisternd, wie nah die Niken fahrdynamisch ganz generell an einem konventionellen Bike dran ist. Chapeau! Ganz grosses Kino!

Unbeschwert den Asphalt tranchieren

Vor lauter lenken und neigen hätten wir fast den Motor und damit das Herzstück eines jeden Töff vergessen. Der CP3 genannte 847-ccm-Reihendreizylinder aus der MT-09 leistet hier ebenfalls 115 PS, er wurde aufgrund des gegenüber der MT-09 um 70 Kilo höheren Fahrzeuggewichts aber auf mehr Druck in der Mitte getrimmt. Grundsätzlich gibt sich der prämierte Triple wie man ihn kennt und schätzt: quirlig, kräftig, drehfreudig und mit scharfem Sound. Einzig an Spritzigkeit hat der Zwölfventiler in der Niken etwas eingebüsst, und sportlich-ambitionierte Fahrer wünschen sich in der Mitte vielleicht ein Quäntchen mehr Druck - speziell, wenn’s bergauf geht. 

Was sonst noch im Testprotokoll steht? Der Quickshifter funktioniert prächtig, er arbeitet jedoch nur beim Hochschalten. Bei 17‘990 Franken wäre ein Blipper schon angebracht gewesen, denke ich. Genauso wie ein farbiges TFT- anstelle des zwar informativen, aber etwas trockenen LC-Displays. 

Doch am Ende zählt nur eines: Nämlich, dass es Yamaha gelungen ist, mit der Niken ein in puncto Sicherheit und Vertrauen revolutionäres Spassmobil auf die Räder zu stellen. 

+++ Wertungen +++

Das hat uns gefallen:

  • Unglaublich viel Vertrauen für die Front
  • Fahrdynamisch fast wie ein Bike
  • Technisch ausgereifte Lenkung
  • Heisses Skorpion-Design
  • Hohe Verarbeitungsqualität

Das hat uns weniger gefallen:

  • Kein bidirektionaler Quickshifter
  • LC- statt TFT-Display

 

1800 / 1600 1.125

Bildergalerie Yamaha Niken