Kawasaki Ninja H2 SX SE - Wenn Sporttouring, dann so!

Mit der Ninja H2 SX stellte Kawasaki dem kompressorgeladenen reinrassigen Sportbike Ninja H2, das 2015 für Furore sorgte, nun eine touren- und alltagstaugliche Schwester zur Seite.

Zahlen zu Kawasaki Ninja H2 SX SE 

  • Motortyp: Reihenvierzylinder-Viertakter

  • Hubraum: 998 ccm

  • Max. Leistung: 200 PS bei 11‘000/min

  • Max. Drehmoment: 137,3 Nm bei 9500/min

  • Gewicht: 260 kg fahrfertig

  • Preis: ab 21’500 (Ninja H2 SX) / ab 24‘900 (Ninja H2 SX SE)

  • Konkurrenten: Streng genommen ausser Konkurrenz! Im weiteren Sinne: Kawasaki ZZR1400, Honda VFR800F, Yamaha FJR1300 A

  • Stand: August 2018

Die beste Nachricht gleich vorweg: Die auf die Saison 2018 vorgestellte Kawasaki Ninja H2 SX hat sich nicht nur an der internationalen Pressevorstellung im winterlichen Portugal von ihrer besten Seite gezeigt – sie hat in diesem Sommer auch den 1500-Kilometer-Härtetest des TÖFF-Magazins bestanden. In Schweizer Schulnoten ausgedrückt, würde sie wohl einen „Fünf-ein-Viertel“ bekommen. Umschrieben hiesse das in etwa: „gut“ mit Tendenz zu „sehr gut“.

SE-Ausführung mit Tourer-Paket

Bei der getesteten Maschine handelt es sich um eine Ninja H2 SX in der aufgewerteten SE-Ausführung mit zusätzlichem „Tourer“-Paket, die so auf einen Preis von 26‘150 Franken zu stehen kommt. Das Tourer-Paket umfasst die schnittig gezeichneten und mit je 28 Liter Fassungsvermögen auch ausreichend grossen Hartschalen-Seitenkoffer in Teillackierung. Innentaschen fürs komfortable Mitnehmen des Inhalts am Zielort sind ebenfalls dabei. Wasserdicht sind aber bereits die Aussenschalen – selbst bei heftigem Regen auf der Autobahn. Bei Bedarf lassen sich die Koffer ganz leicht entfernen und wieder anbringen. Toll ist ferner, dass sie trotz der simplen Handhabung selbst für Highspeed-Etappen bis 300 km/h zugelassen sind.

Spezifische Farbkombis

Die SE-Version (ab 24‘900 Franken) hebt sich von der Basisversion (ab 21‘500 Franken) durch verschiedene Merkmale ab. Unter anderem durch die ihr vorbehaltene Farbkombination „Emerald Blazed Green/Metallic Diablo Black“. Sowohl das satte Grün als auch das Schwarz funkeln im Sonnenlicht und geben dem Bike, an dem rundum hochwertige Materialien verarbeitet sind, einen ganz edlen Touch. Das Basismodell kommt in der Kombi „Metallic Carbon Gray/Metallic Matte Carbon Gray“ etwas schlichter daher.

Weitere SE-Besonderheiten sind zum Beispiel das informative und gut ablesbare TFT-Farbdisplay, der bidirektionale Quickshifter, LED-Kurvenlicht, Stahlflexbremsleitungen, Felgen mit gefrästen Speichen und Decklackierung, eine 12-V-Steckdose im Cockpit, die grosse Touring-Windschutzscheibe, der Hauptständer oder die Heizgriffe.

Bewährte Heizgriffe

Letztere haben sich auf dem mehrtägigen Test ins Salzburger Land nach Österreich, an dem es bei Regen und kühlen Temperaturen auch über wolkenverhangene Berge ging, sehr bewährt. Nur die Bedienung während der Fahrt lässt zu wünschen übrig, da einem die gewählte Heizstufe lediglich durch ein Blinklicht am Druckschalter angezeigt wird und nicht im wunderschönen Display. In der Bedienungsanleitung heisst es sogar, dass die Griffheizung nicht während der Fahrt bedient werden sollte. Das mutet für ein reinrassiges Touring-Bike doch sehr seltsam an – auch wenn der Fokus hier auf dem „Sport-Touring“ liegt.

Ansonsten sind die Schalterheinheiten übersichtlich und gut bedienbar angeordnet. Allerdings stösst man in diesem Zusammenhang gleich auf eine weitere Kuriosität: Selbstrückstellende Blinker – heute bei Motorrädern im oberen Touring-Segment üblich – findet man auf dieser Kawa nicht.

Der Motor ist eine Wucht

Schlicht eine Wucht ist der Reihenvierzylindermotor mit 998 Kubikzentimetern Hubraum, der sein Wesen (200 PS und 137,3 Nm Drehmoment) kompressorgeladen entfaltet. Für die Touring-Variante der Ninja H2 wurde er spürbar auf Strassentauglichkeit getrimmt. So wurden etwa das Verdichterrad des Kompressors und das Ansaugsystem komplett überarbeitet. Kolben, Zylinderkopf, Zylinder, Kurbelwelle, Nockenwelle und Drosselklappengehäuse sind neu, die Getriebeabstufung wurde angepasst.

Das Verdichtungsverhältnis stieg von 8,5 auf 11,2:1, was die thermische Effizienz steigert. Durch den SX-Motor strömt gegenüber dem ursprünglichen H2-Motor weniger Luft, weshalb er ruhiger läuft und auch das Auspuffsystem schlanker ausfallen kann. Gesamthaft sind Motor und Abgasanlage drei Kilo leichter geworden.

Zwischen H2 und ZZR1400

Wie man es sich von einem alltags- und tourentauglichen Bike wünscht, gibt sich diese SX, deren Leistungsgewicht übrigens genau zwischen jenem der H2 und jenem der ZZR1400 liegt, im unteren Drehzahlbereich angenehm „sanft“ und umgänglich. Anfahren an der Ampel, Stop-and-Go und stadtübliche Tempi zwischen 30 und 60 km/h – alles kein Problem, auch dank der nicht zu strengen und gut dosierbaren Rutschkupplung.

Beim Bummeln sitzt man denn auch ziemlich entspannt: weniger nach vorn geneigt als auf der ZZR1400 und nur leicht stärker als auf der Z1000SX. Der Kniewinkel ist selbst für lange Strecken nicht übermässig eng. Im Brustbereich geniesst man so – etwa auf Autobahnstrecken – einen guten Windschutz. Die Touringscheibe ist aber hoch genug, um sich beim satten Angasen – wenn es doch mal auf die deutsche Autobahn oder einen Racetrack gehen sollte – einwandfrei dahinter ducken zu können, um so perfekt geschützt der 300-km/h-Marke entgegenzueilen.

Doch auch bei Landstrassentempo bereitet die Ninja H2 SX SE astreinen Fahrspass. Oberhalb der 5000/min nimmt der Schub ungeheuerlich – aber immer noch berechenbar – zu und sorgt dafür, dass es einem die Mundwinkel nur so nach oben zieht. Die Gänge werden jetzt selbstverständlich mit dem tadellos funktionierenden Blipper durchgezappt. Standesgemäss verfügt die H2 SX über drei verschiedene Leistungsmodi: „F“ (volle Leistung), „M“ (ca. 75 % der Leistung) und „L“ (ca. 50 %).

Top-Strassenlage

Das Fahrwerk der H2 SX sorgt stets für eine satte Strassenlage. Wieder einmal ein Beweis dafür, dass ein stimmiges Gesamtkonzept auch heute noch ohne ein elektronisches Fahrwerk auskommt. So bleibt der Supertourer auf der Autobahn stoisch in der Spur, zieht in langgezogene Bogen eine saubere Linie und lässt sich dennoch im engen Zickzack agil hin und her kippen. Nur in engsten Haarnadelkurven tut man sich mit anderen Bikes etwas leichter. Ferner treten im langsam genommenen engen Geläuf auch Lastwechselreaktionen in Erscheinung, ohne die an der Antriebseinheit gar nichts auszusetzen wäre.

ABS und Kurvenbremssteuerung

Die Komponenten, die das Fahrerlebnis abrunden, stellen gemeinhin die Bremsen dar. Denn spätestens, wenn man auf eine Kurve oder ein Hindernis zufliegt und beim Ziehen bzw. Drücken nichts passiert, ist es einem gar nicht mehr so wichtig, wie viel Leistung der Antrieb liefert. Doch auch hier gibt sich die neue Kompressor-Kawa keine Blösse. Man spürt zwar – wie etwa auch beim Herumschieben des Motorrads auf dem Parkplatz – die 260 Kilo (fahrfertig und vollgetankt). Etwas Handkraft ist also durchaus gefordert, wenn schnell viel Speed abgebaut werden soll. Doch Verlass ist auf die vorderen radial montierten Vierkolben-Festsättel auf jeden Fall. Unterstützung gibt es selbstverständlich durch ein ABS, das ausserdem eine Kurvenbremssteuerung umfasst. Ansprache und Dosierbarkeit sind ebenso top.

Fazit: Touringbikes stehen hoch im Kurs – insbesondere in Form von Reise-Enduros, mit denen man heute zweifelsohne auch sportlich fahren kann. Mit der Kawasaki Ninja H2 SX (SE) bekommt die Touringwelt wieder einmal einen ganz neuen Input. Wem Sportlichkeit mehr am Herzen liegt als der Gedanke, auch mal einen Feldweg fahren zu können (was mit reinen Strassenbikes ja auch möglich ist) und, etwas zu haben, das man nicht bei jedem Tankstopp oder auf jeder Passhöhe sieht, der sollte mit Kawasakis neuem Kompressortourer einmal auf Probefahrt gehen.

 +++ Wertungen +++

Das hat uns gefallen:

  • Motor
  • Fahrwerk
  • Getriebe
  • Ergonomie
  • Verarbeitung
  • Design
  • Prestige
  • Testverbrauch (1450 km): 5,27 Liter/100 km

Das hat uns weniger gefallen:

  • Regulierungen für Tempomat und Heizgriffe könnten einfacher sein
  • Keine automatische Blinkerrückstellung
1799 / 1600 1.124375

Bildergalerie Kawasaki Ninja H2 SX SE