Husqvarna Vitpilen 701 - Leichte Kost

Husqvarna Vitpilen 701. Neoklassiker, Einsteiger-Bike, Café-Racer, Designer-Gadget oder doch ein kompromissloser Racer? Jedenfalls ist die avantgardistische Austria-Schwedin definitiv nicht das, was wir erwartet hätten.

Zahlen zur Husqvarna Vitpilen 701

  • Motortyp: Einzylinder-Viertakter

  • Hubraum: 693 ccm

  • Max. Leistung: 75 PS bei 8500/min

  • Max. Drehmoment: 72 Nm bei 6750/min

  • Gewicht: 157 kg ohne Benzin

  • Preis Testmotorrad: 12‘390 Franken

  • Basispreis: 12‘390 Franken

  • Konkurrenten: Kawasaki Z900RS, Yamaha XSR 900, Ducati Scrambler 1100, BMW R nineT, Honda CB1000R, Triumph Thruxton

  • Spezifische Infos: 2 Jahre Garantie ohne Kilometerbeschränkung, Inspektion alle 10‘000 km oder 12 Monate, Einstellung Ventilspiel: alle 10‘000 km

  • Stand: Mai 2018            

Husqvarna – mit Gründungsjahr 1903 einer der ältesten Motorradhersteller der Welt – ist eine ursprünglich schwedische Marke, die Töfffahrer in erster Linie mit dem Offroad-Sektor assoziieren. Tatsächlich gehören die Weiss-Blau-Gelben Stollen-Bikes technisch wie fahrdynamisch zum Besten, was es abseits des Asphalts zu bewegen gibt. Der sich inzwischen in KTM-Besitz befindende Brand hat sich jedoch auf die Fahne geschrieben, an die glorreiche Zeit anzuknüpfen und in den nächsten Jahren wieder die Strasse zu erobern, weshalb auf diese Saison hin gleich drei neue Bikes für den Einsatz auf dem gekurvten Asphaltband lanciert wurden. Im Einsteiger-Sektor sind dies die aufs Wesentliche reduzierten Modelle Svartpilen 401 und Vitpilen 401 (aus dem Schwedischen übersetzt: schwarzer bzw. weisser Pfeil). Unsere erste Berührung mit den Neo-Strassen-Huskys erfolgt jedoch mit der grossen Schwester – der „erwachsenen“ Vitpilen 701, die von der jüngsten Entwicklungsstufe des prämierten LC4-Einzylinders von Konzernmutter KTM befeuert wird. Kostenpunkt für den drahtigen Neuankömmling, der so schwierig einzuordnen ist und für den Husqvarna primär sogenannte „Style-buyer“, also Käufer mit einem ausgeprägten Sinn für progressives Design sowie Wiedereinsteiger im Visier hat: 12‘390 Franken.

Da steckt viel Premium drin

Der Single mit 693 ccm Hubraum, Vierventiltechnik, Ride-by-Wire, Doppelzündung, Traktionskontrolle, Rutschkupplung und bidirektionalem Quickshifter leistet erstaunliche 75 PS und stemmt ein Drehmoment von bärigen 72 Nm. Eingefasst ist der State-of-the-Art-Einzylinder in einem hydrogeformten Gitterrohrrahmen aus Chrom-Molybdän-Stahl, der mitsamt Aluminiumguss-Schwinge und Heckrahmen gerade mal 11 Kilo auf die Waage bringt. Mit allem Drum und Dran (ohne Benzin) wiegt die aus einem Guss und damit solid wirkende 701 luftige 157 Kilo, was ein spielend leichtes Handling suggeriert. Apropos Handling: auch beim Fahrwerk kommen nur Premium-Komponenten zum Einsatz: vorn eine in Ein- und Auswärtsdämpfung einstellbare 43-mm-USD-Gabel von WP und hinten ein voll justierbares Zentralfederbein desselben Herstellers. Dass bei einem Bike wie der Vitpilen 701 rundum nur LED-Lämpchen leuchten, versteht sich von selbst. Sehr hübsch sind der pfiffige Tankdeckel, die futuristische Sitzbank und der Auspuffdämpfer. Eher angestaubt wirken dagegen die Lenker-Bedienelemente und das Zündschloss. Und wenn wir schon bei den Kritikpunkten sind: Die Ziffern im runden LC-Display sind zu klein, und die Knöpfe am kreisrunden Instrument lassen sich mit Handschuhen kaum bedienen.

Harte Schale, harter Kern

Beim Aufsitzen fallen drei Dinge sofort auf: Erstens, die harte Sitzbank (830 mm) mit scharfen Kanten, auf der man die 701 bei 174 cm Körpergrösse auf Zehenspitzen im Lot zu halten hat. Dann die straffe, wenn nicht gar harte Grundabstimmung der Federelemente und – drittens – das stattliche Gewicht, das sich an den Stummellenkern auf den Handgelenken abstützt.

Jetzt aber los! Auf uns warten Kurvenstrassen satt im nordöstlichen Hinterland von Barcelona. Vor uns, ein ortskundiger Guide, der uns einiges abverlangt…

Begeisternd: das LC4-Wunder

Der 43 Kilo leichte Single nimmt immerzu vorbildlich-sanft Gas an, nervt keine Sekunde mit Konstantfahrruckeln und dreht bis in den Begrenzer bei 9000/min höchst-linear durch, wobei er eine fantastische Drehfreude äussert und ein unwiderstehliches Single-Geballere von sich gibt. Richtig Zunder gibt’s zwischen 6000 und 9000/min; nur gut, dass eine hervorragende Traktionskontrolle mit an Bord ist. Auch der Schaltassistent ist ein echter Gewinn. Vibrationen? Ja, dank den beiden Ausgleichswellen aber nur von der guten Sorte. Zwischenfazit: Einen Single, der dermassen kultiviert läuft und diese Tugend mit fettem Druck, luftiger Drehfreude und heftigem Knall vereint, sucht man am Markt wohl vergebens.

Ritt auf dem Tranchiermesser

Doch diese Performance lässt sich freilich nur dann voll auskosten, wenn auch die Komposition Chassis-Fahrwerk auf der Höhe ist. Und das ist sie bei der Vitpilen 701, definitiv! Spielerisch lässt sie sich zackig durch die Kurvenkombinationen feuern. Dabei positioniert sich die 701 im Spektrum zwischen Handling und Stabilität klar auf der leichtfüssigen Seite. Von feinfühliger Hand dirigiert zieht die Vitpilen bei glasklarem Feedback jedoch stets einen sauberen Strich. Was für eine Balance, welch Meisterwerk von einem Fahrwerk! Gerade auf kurvenreichen Abschnitten – und hier fühlt sich dieses Bike pudelwohl – entpuppt sich das vermeintliche Fashion-Accessoire auch dank schier grenzenloser Schräglagenfreiheit und hervorragenden ABS-Bremsen als Tranchiergerät erster Güte!

Was ist sie nun, die Vitpilen 701? Nach 150 Testkilometern ist klar: Wir haben es hier mit einem erfrischend anders auftretender Kurzstrecken-Abfangjäher mit Stealth-Optik zu tun. Bestimmt wird die Neuinterpretation eines Café-Racers kein Volumenmodell werden – hierfür ist sie zu sonderbar und auf Dauer zu unkomfortabel. Für den Kurven-Quickie nach Feierabend glänzt die Vitpilen 701 aber mit einer berauschenden Fahrdynamik – Flow-Garantie inklusive!

+++ Wertungen +++

Das hat uns gefallen:

  • Genialer Einzylinder mit viel Charakter
  • Eigenständiges Design, wertige Aura
  • Steht sicher nicht an jeder Ecke
  • Messerscharfes Sportfahrwerk
  • Kerniger Motorensound
  • Preis okay

Das hat uns weniger gefallen:

  • Kupplungshebel klar zu kurz
  • LC-Display mit zu kleinen Ziffern
  • Zündschloss / Lenker-Bedienelemente angestaubt
1798 / 1600 1.12375

Bildergalerie Husqvarna Vitpilen 701