Motorradtouren
Ein Giro in den Norden
Statt ans Mittelmeer schickten uns die Wetterfrösche im April in den Norden. Es warteten Fische und Fjorde statt Höhen und Kurven – und ein Vorgeschmack aufs Giro d’Italia.
24.05.2012 Gerhard Enggist
Eigentlich war ja Frankreich das Ziel. Doch die Wetterfrösche machten mir gar keinen Mut. Schnee bis auf 700 Meter hinunter. Das Vercors fällt damit als Ziel schon mal weg. Im Schnee über den Col de la Machine – muss nun wirklich nicht sein. Und auch im Süden und im Osten ist kein Sonnenschein zu erwarten. Etwas mildere Aussichten gibts einzig im Norden.
Also orientiere ich mich kurzfristig um. Friesen statt Franzosen, Wattenmeer statt Mittelmeer, Windräder statt Windmühlen und Fisch geräuchert statt geschmortes Souris d’Agneau. Tolle Aussichten auch so.
Aufgepasst beim Motorradverlad
Der Autozug bringt mich für 169 Euro von Lörrach nach Hamburg Altona. Für Neulinge wichtig zu wissen: Die Angestellten der Deutschen Bahn nehmen ihren Job teilweise sehr locker. Da kann es schon mal vorkommen, dass sie die Strippen, die sie direkt am Motorrad anbringen, nach dem Lösen der Spanngurten einfach am Bike dran lassen. Drum bitte jedesmal checken, dass keine unliebsamen – und potenziell tödlichen – Überraschungen lauern. Vor der Abfahrt, versteht sich!
Von Altona führt die B7 nordwärts aus der Stadt. Bald schon lenke ich nach Westen; das erste Ziel heisst Husum. Unterwegs in die nordfriesische Hafenstadt quere ich den Nord-Ostsee-Kanal. Sonne und Wolken begleiten mich den ganzen Weg, und die Wattenmeerküste grüsst mit Eisregen. Theodor Storms „Graue Stadt“ macht ihrem Namen alle Ehre. Zeit für eine Pause also.
Auf der Weiterfahrt – die Temperaturen pendeln nun um die 5 Grad – geniesse ich die Sitzheizung in meinem Russell Day Long und die neuen Heizgriffe. Das frisch installierte „Weicheierpaket“ macht sich bereits bezahlt… Durch unzählige Anlagen mit riesigen Windkrafträdern fahre ich der Küste entlang nach Norden. Irgendwo da draussen im Dunst muss Sylt liegen – und bald naht Dänemark. In der Tankstelle kurz vor der Grenze zapfe ich letztmals zu deutschen Preisen; es lohnt sich. Über Tønder und Ribe ziehe ich nach Norden; das heutige Ziel ist die Messestadt Herning in Mitteljütland.
Region in rosa
Am nächsten Tag führt die Reise rund um den Ringkøbing Fjord an der Westküste. Rosarote Fahrräder in der gesamten Region weisen auf das Giro D’Italia hin, das in wenigen Wochen in Herning seinen Anfang nehmen soll.

Exorbitante Importsteuern begünstigen den dänischen Markt für Occasionsmotorräder.
Auf dem Weg an die Küste leuchtet am Töff eine rote Lampe auf. Das Problem entpuppt sich als lösbar, doch der Besuch beim Töffhändler bringt Erstaunliches zutage. In der Werkstatt stehen lauter ältere Maschinen. Alle gut erhalten, aber eben kaum eine neu. Der Grund dafür: Der Staat Dänemark kassiert auf neuen Motorrädern Steuern von satten 180 Prozent! Aus 50‘000 Kronen (ca. 8000 Franken) werden so 140‘000 Kronen (ca. 22‘500 Franken). Lang lebe der Occasionsmarkt.
Von Süden erreiche ich die Küstenstrasse nach Hvide Sande. In dem schmucken Örtchen treffen sich Ende April unzählige Fischer vor allem aus dem nahen Deutschland zum Heringsfestival. Und auch Robben ziehts an den Ausgang des Fjords. Dort schwimmen ihnen die Heringe bei Ebbe durch die Schleuse direkt ins weit offene Maul – ein Schauspiel sondergleichen. Inspiriert von den Robben lasse ich mir einen Räucherfisch munden.
Reste des Atlantikwalls

Reste des Atlantikwalls versinken im Sand am Strand von Søndervig.
In Søndervig spaziere ich zwischen bunten Ferienhäusern hindurch an den Strand. Mehrere Festungen, Überreste des deutschen Atlantikwalls aus dem 2. Weltkrieg, versinken langsam im Sand.
Ein alter deutscher Urlauber erinnert sich an dunkle Zeiten, an Ruinen und Hunger und stellt trocken fest: „Heute glauben nicht mehr viele an Gott. Auch nicht an den Papst. Aber an eines glauben sie alle – ans Mindesthaltbarkeitsdatum. Das ist die neue Religion heute…“
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2000jährige Moorleichen
Die Fahrt durch schier unendliche Felder und Heidemoore bringt mich an die gegenüberliegende Ostseeküste. Dort ist das Wetter milder. Eine leichte Brise weht von der Aalborg Bucht herein, als die Fähre hinüber nach Hals gondelt. Dem Limfjorden nach geht’s wiederum nach Süden. Heftige Winde künden das Herannahen der nächsten Regenfront an. Über Skive erreiche ich das rosa herausgeputzte Städtchen Herning.

Warten auf die Heimreise: Motorradverlad in Hamburg-Altona.
Später in der Woche reicht es noch für den Besuch des weltberühmten Trollund-Manns und der Frau von Elling, den Moorleichen aus vorchristlicher Zeit im Museum von Silkeborg, bevor ich den Heimweg unter die Räder nehme. Zurück in Deutschland führt ein Abstecher ins hübsche Eckernförde nahe Kiel. Der folgende Regenritt dauert bis Altona an. Der Weg zum Autozug ist gut ausgeschildert, und am nächsten Morgen wache ich vor den Toren Basels wieder auf. Mit einem Gedanken im Kopf: Frankreich wartet, mit Kurven und Höhen. Nicht heute, aber bald…
| Die Tour: | |
|---|
| Distanz: | ca. 1'500 km |
| Fahrzeit: | 5 Tage |
| Sehenswert: | Weisse Strände an der Nord- und Ostsee, endlose Heidelandschaften, Fische, Robben und uralte Moorleichen. |
| Beste Jahreszeit: | Frühling (dann mit wenig Verkehr), Sommer und Herbst. |
| Karte: | Strassenkarte Dänemark, 1:300‘000 (Kümmerly + Frey). |
Detaillierte Route auf Google Maps:
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